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panem et circenses? (Plauderei)

Peter Franken, (vor 5281 Tagen)

Hallo ins Forum!

Ich kenne noch ziemlich gut den Ausdruck : ´Gib mir Kohle´ und damit meinte man Geld bei uns.

In Oberhausen gibt es jetzt wohl eine Nebenwährung mit diesem Namen - obwohl sie eigentlich in Kohle schwimmen.

Eigentlich könnte da man noch buddeln wie der Teufel und die Kohle rausholen aber die Importkohle war wohl billiger.

Mittlerweile ist auch die ganze Infrastruktur rund um die Kohle ( das schwarze Gold ) weg.

Duisburg - Rheinhausen ist weg, Thyssen und Krupp haben fusioniert ( bei Thyssen Duisburg sind einige Kletterparks ) Hösch steht in China und da geht noch einiges mehr GHH, Babcock und wie sie alle heissen.

Eigentlich wurde die Region runtergefahren und kümmert sich jetzt um eine Art Notgeld.

Komischerweise ist Borussia Dortmund, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach ( die zählen entfernt auch dazu ) ganz vorne in der Bundesliga.

Als Kind des Ruhrgebiets kannte ich auch die Höhen des Wirtschatswunders - Mercedes mit 25 Jahren ( gebraucht ).

Mit der 4. Klasse sind wir damals in eine aktive Zeche eingefahren - die steht jetzt nicht mehr.

Der Oberbegriff heiss ´Revier´längs der Emscher und da wohnen so geschätzt 6.5 Millionen Menschen ohne Perspektive.

Solche Notwährungen gab es zuletzt nach dem ersten Weltkrieg.

Kommentare erwünscht!

grüsse

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panem et circenses?

Superaxel, Das Herz Westfalens, (vor 5280 Tagen) @ Peter Franken

Ich kann den Aufschrei der Revier-Bürgermeister nur zu gut verstehen. Vor allem die Kommunen an der Ruhr haben den Soli über Jahrzehnte nur durchzusätzliche Verschuldung aufbringen können und haben mit der Umschichtung der Gelder in den "neuen" Osten noch zum Niedergang der eigenen Region und der Abwanderung von Arbeitsplätzen in subventionierte Standorte wie Dresden (AMD) beitragen müssen.

Das Revier hat trotz allem in bewundernswerter Weise den härtesten Strukturwandel ganz Europas gemeistert und vielen Menschen eine neue Perspektive geben können, nur ist irgendwann das Faß voll oder eben leer, wenns um die Kohle geht.

Hier in Dortmund sind in den vergangenen Jahren viele Einrichtungen geschlossen worden, Mittel gestrichen, Investitionen verschoben oder gestrichen und irgendwann muss es mal einen Soli West geben und nach dem Konjunkturpaket entsprechende Geldspritzen der öffentlichen Hand um die Region anzukurbeln. Nur kann sich hier NIEMAND mehr eine Steueroase a la Dresden und co leisten!!!

Das "mein" HOESCH jetzt in China steht (inkl. mehr als 7 Kopien!!!) ist weniger eine Frage des Strukturwandels als der Bankengier und einer verfehlten Wirtschaftspolitik zur damaligen Zeit. Aber das ist lange her, die Narben prägen Dortmund wie kaum eine andere Stadt, wir haben hier die weltweit größten Brachflächen nach Rückbau der Industrie. Wo früher 10.000de Menschen Lohn und Brot fanden wurde inzwischen ein See geflutet und man macht ein Schickimicki-Dörfchen auf.

Es gab vor Jahren eine Veröffentlichung, in der es hiess, dass die neuen Länder den Westen stärker ausgelaugt haben als je eine Kolonialmacht seine Kolonien.

Ich will hier auch keinen Revanchismus heraufbeschwören, aber es ist illusorisch, zu behaupten, dass die Regionen im Osten eine ähnliche wirtschaftliche Stärke aufbauen könnten wie hier im Westen. Das war seit Jahrhunderten so, das die Handelszentren im Westen, an Rhein und Ruhr, Hamburg, Frankfurt und München lagen, im Osten war die Landschaft viel mehr landwirtschaftlich geprägt, abgesehen von den Zentren wie Berlin, Dresden, Leipzig sowie die Hansestädte der Ostseeregion. Grund hierfür sind uralte Handelswege, strategische Überlegungen und die Flüsse von Rohstoffen und Waren. Es macht keinen Sinn Erze und Kohle hunderte Kilometer zu transportieren um sie zu verhütten und den Transport kann keiner mehr zahlen.

Man KANN dort künstlich und nach 5 Jahresplänen aus dem Boden gestampfte Kombinate, die seit 40 Jahren defizitär betrieben wurden nicht eine blühende Industrielandschaft erschaffen, ohne weiter zu subventionieren.

Wir leben auf einer Blase und bald siehts hier im Westen mies aus mit panem. Und nur von circenses wird das Volk irgendwann zwar dumm aber nicht zufriedener.

Axel

panem et circenses?

Nico, (vor 5280 Tagen) @ Superaxel


Es gab vor Jahren eine Veröffentlichung, in der es hiess, dass die neuen Länder den Westen stärker ausgelaugt haben als je eine Kolonialmacht seine Kolonien.


das möchte ich so nicht unkommentiert lassen.
Richtig ist unbestritten, das viel Geld in den OSten geflossen ist und immer noch fließt.

Das aber der Osten den Westen aussaugt will ich so nicht unterschreiben.
Als "Kind des Ostens" habe ich die Erfahrung gemacht, das nach der Wende alles vom Westen vorgegeben wurde. Uns wurde schließlich die Demokratie gebracht. Umgesetzt wurde das oft von aus dem Westen "importierten" Beamten - meist denen, die im Westen nichts geworden sind. Ergebnis: Millionen wurden verbrannt und für Sinnlose Projekte verpulvert.
In meiner Geburtsstadt wurde z.B. von den (westdeutschen) Planern nach der Wende eine überdimensionierte Abwasserentsorgung erbaut. Ausgelegt für 120.000 Einwohner. Die Stadt hatte damals rund 50.000 EW + 40.000 russische Soldaten. Die Soldaten sind weg und die Einwohnerzahl sinkt. Wer zahlt die Kosten? Wir alle.

Ich bin beruflich in ganz D. unterwegs. Sowohl im Osten als auch im Westen gibt es viele Ecken, da möchte man nicht tot über dem Zaun hängen.

Allen die neidisch auf den Osten schauen, kann ich nur empfehlen: werft mal einen Blick auf die dort gezahlten Gehälter und vergleicht dann mal die Lebenshaltungskosten. Erstere sind in vielen Fällen immer noch niedriger als im Westen. Letztere sind oft sogar höher. Besondes für Versorgung mit Gas, Wasser, Strom usw. Von Mieten in Berlin, LEipzig oder Dresden ganz zu schweigen.

Ich bin auch kein Freund von Himmelsrichtung-abhängigen Abgaben. Investiert sollte da werden wo es erforderlich ist.
Aber pauschal zu behaupten Osten = Böse, Westen= Gut, wird die Ost-West Kluft nie abbauen.

Da hilft auch kein trauern nach (auch subventionierten) Kohlebergwerken. Die sind mehr der Entwicklung der Zeit als dem Osten zum Opfer gefallen.

Es stht übrigens auch jedem "Wessi" die frei Wohnortwahl offen. Somit auch der OSten :-D

Die Wiedervereinigung als Ziel steht übrigens schon im (kurz nach WW II) verfassten Grundgesetz uns ist somit schon immer Ziel der BRD und aller seiner Bürger gewesen.

VG
Oliver

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panem et circenses?

Superaxel, Das Herz Westfalens, (vor 5280 Tagen) @ Nico

Mir ist die Brisanz der Aussage durchaus bewusst! ;-) Und die Wiedervereinigung ist das wunderbarste und beste was Deutschland und Europa geschehen konnte! Nicht dass ich missverstanden werde!

Nur lag eben in den vergangenen 20 Jahren der politische Fokus rein auf dem Aufbau Ost. Und so wurden andere Problemregionen vergessen.

Ich bin vor allem in 2010 in einigen Städten im Osten unterwegs gewesen und natürlich ist dort nicht alles glänzend und schön. Chemnitz war für mich ein Beispiel, wo man noch viel alte und wertvolle Substanz retten könnte. Aber manche Narben aus einem Krieg und 40 Jahren Sozialismus wird man wohl nie retuschieren können.

Dass der Ruhrbergbau über lange Jahre subventioniert wurde ist bekannt und soll nicht generell zur Debatte stehen. In den Zeiten des chinesischen Baubooms ist aber der alte Ruhrstahl SO gefragt, dass die Chinesen alte deutsche Schiffswracks aufkauften um an den Stahl zu kommen. Die Ruhrkohle ist aktuell wieder konkurrenzfähig! Aber das nur am Rande.

Das Revier hat eben diesen Strukturwandel parallel zur Wiedervereinigung und Aufbau Ost durchlaufen ohne große Förderung zu bekommen und hat stattdessen stets seinen Anteil am Soli brav geleistet und sich hoch verschuldet. Ohne Soli wäre die Schuldenlast der Kommunen an Rhein und Ruhr THEORETISCH deutlich niedriger. Wer wofür die Kohlen dann verzockt worden wären ...

Axel

panem et circenses?

Marsupilami, (vor 5280 Tagen) @ Nico

Gut gesprochen, Nico!

Auch wenn im Osten die Landschaften blühen -das ist übrigens eher ein Verdienst der Biologie als der (Finanz-)Politik- , ich ärger mich schon, weil ich (freiwillig) in den Osten gezogen bin und dewegen mein Einkommen so wie meine Rente später weniger ist als im Westen. Warum?

Aber davon mal abgesehen und auch davon, daß die Finanzwelt nicht zu meinen Spezialgebieten gehört:
ich glaube nicht, daß sich die Kangoonauten Aller Länder jetzt in gute und böse spalten sollten. Das ergibt sich natürlich schnell in einem solchen Konstrukt, wo manche immer geben und andere immer nehmen.
Neid. Kommt in D. auch immer wieder auf, von Süd nach Nord, wenn der Länderfinanzausgleich diskutiert wird.

Ich vermute mal, daß die Arbeitslosigkeit diesseits der Elbe ebenso be-drückend ist wie jenseits.
Und daß von dem großen Geldfluß mal wieder nur wenige profitieren. Aber die richtig.

Angst habe ich aber nicht davor, daß mir die (west-)deutschen Mitbürger meinem warmen Hintern das Sofa nicht gönnen, nein richtig Angst bekomme ich, wenn ich dran denke, daß es den wirklich Armen auf dieser Welt mal einfällt, daß sie auch ihren Hintern auf so einem schönen Sofa wärmen möchten. Denn dann stellt sich die Frage, auf wessen Kosten die sich das leisten können wollen. *what*

Sorry Keule, ick bin müde und da werdick imma so schwermütich.

Grüßchen vom
Marsupilami

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panem et circenses?

ingolf, B, (vor 5280 Tagen) @ Peter Franken


Komischerweise ist Borussia Dortmund, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach ( die zählen entfernt auch dazu ) ganz vorne in der Bundesliga.


Hallo Peter,
gut zusammengafasst.
Bisher war genug Geld da, Ruhe und Zustimmung zu kaufen. Die blühenden Landschaften war ja so ein Kaufprogramm und hat ja auch funktioniert.
Die überholten Strukturen rund um die Steinkohle zu stützen war genau auch so ein Programm.
Stimmenkauf, Einkauf von bürgerlicher Ruhe. Ruhe, um in Ruhe weiter satt Geld zu verdienen an anderer Stelle.
Jetzt ist weniger Geld da und nun sind eben mehr Spiele angesagt.

Das neue Programm sind Krisen. Die sind gaaanz schlimm ohne das je einer die wirklichen Zusammenhänge und möglichen Auswirkungen nennt geschweige denn belegt und dann verschwinden sie Horrorscenarien über Nacht durch Geld. Ok, die Gemeinschaft hat das zwar gar nicht aber wir borgen es uns eben bei unseren Kindern und schon ist wieder Ruhe.
Jene Ruhe, die wir so lieben.

Das die Automobilindustrie einige Überkapazitäten so wunderbar sozialverträglich (und aktionärsverträglich) abgebaut hat war beste PR-Arbeit.
Das das Euro-Rettungspaket für Griechenland uns irgendetwas bringt und nicht nur einige wenige Banken und Anleger alimentiert glauben wir schon etwas weniger aber der breietn Masse wird es so verkauft. Apropos kaufen: da ist es wieder, es wird Ruhe und Zustimmung gekauft. Rente etwas rauf, Löhne im öffentlichen Dienst rauf trotz eigentlich leerer Kassen und weniger Einnahmen und schon bleibt die Ruhe.

Alles auf Pump und die Einsicht , dass wir nicht davon leben können, uns gegenseitig die Haare zu schneiden bleibt wieder auf der Strecke.
Es gibt fast keine Produktion mehr, fast keine Entwicklung, fast keinen Mehrwert.
Geblieben sind Verwaltung und Dienstleistung.

Entscheidungsträger gleich auf welcher Ebene stecken sich die Taschen voll und gehen.
Keiner von ihnen braucht zu fürchten zur Verantwortung gezogen zu werden.
Zu Zeiten des Zirkusses in Rom und jener Spiele war das anders.

Solange genug Geld da war, konnten wir uns das leisten.
Was fehlt sind Einsichten und die persönliche Verantwortung.

Grüße, Ingolf

--
Nicht alles, was ein Kangoo kann, ist auch gut für ihn.
3x G2 1,5 dci, 1x G2 1,6; 2x G1 1,5 dci
Evolution: R4 F4 und F6, Rapid 1,2 alle Baujahre, Kangoo G1 und G2

panem et circenses?

PowerTower, (vor 5280 Tagen) @ Peter Franken

Tagchen,

also ich komm ja nun aus Dresden (bzw. mittlerweile Nachbarstadt Radebeul) und hab das Geschehen der letzten 20 Jahre in seinem eindrucksvollen Ausmaß direkt mitbekommen und ich muss sagen: Vieles ist sehr hübsch geworden. Vieles aber einfach dämlich, unüberlegt und hässlich - schade um's Geld und um die Grünanlagen, die diversen Betonklotzen weichen mussten, wer auch immer sowas genehmigt hat.

Zunächst einmal möchte ich klar stellen, dass natürlich auch die neuen Bundesländer den Soli bezahlen. Richtig ist aber auch, dass der Soli eben nur in die neuen Bundesländer fließt und auch ich muss dem leider zustimmen: man sieht es.

So schön die Stadt auch teilweise geworden ist (auch in Leipzig bin ich viel unterwegs - ebenfalls sehr schick geworden), wenn ich mal in Frankfurt oder Kassel oder sonstwo in den alten Bundesländern zugegen bin, dann bin ich schon manchmal sehr erschüttert, wie herunter gewirtschaftet das teilweise aussieht.

Ist ja auch logisch. In den alten Bundesländern wurde alles mit den in den 50er und 60er Jahren zur Verfügung stehenden Mitteln aufgebaut. In den neuen Bundesländern mit den Mitteln der letzten 20 Jahre. Und den Unterschied sieht man eben, dafür kann auch denk ich mal von uns hier niemand etwas, es ist einfach so und wir müssen damit leben.

Auch ich bin dafür, dass der Soli abgeschafft wird, er hat seine Schuldigkeit getan und die Städte erstrahlen in neuem Glanz. Vom einstigen Leben in der guten alten "WBS 70" und sonstigen Überbleibseln aus roten Tagen ist noch einiges da, aber vieles zum Glück auch verschwunden. Es gibt natürlich Ausnahmen wie Halle oder Cottbus, aber die würden auch mit Milliardenzuschüssen in absehbarer Zeit keine Traumstädte werden. Des weiteren ist das Bevölkerungswachstum vor allem in Dresden äußerst rasant und so wird es sich auch wirtschaftlich selbst tragen können.

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